Streiflichter Nr..203 vom 3.07.2013

(1) Tag ohne "Klamotten"

Die Föderation der Naturisten Frankreichs (FFN), einer der größeren in der INF organisierten Interessenvertretungen, hat die, ursprünglich in Spanien entstandene Idee des „Tages ohne Badebekleidung“ auf französische Verhältnisse adaptiert.

Der dabei entstandene „Journée nationale sans maillot“ fiel in diesem Jahr auf den 30.05.2013. Er soll – durchaus vergleichbar mit seinem Vorbild – dazu dienen, auch an vielleicht bisher unüblichen, aber trotzdem geeigneten Orten Reklame für „das Nackte“ zu machen. Man kann das auch als Verschiebung von imaginären, aber leider gelegentlich auch sehr wirksamen Grenzen sehen.

Richtig beworben, wird dadurch bei so manchem, der zuvor einer Teilnahme an gemeinschaftlicher Nacktheit noch skeptisch gegenüberstand, eine Art „Selbstversuch“ initiiert werden können, aus dessen Ergebnis dann auch eine „Grenzverschiebung“ folgen kann.

Hier das Plakat, mit dem die FFN zu der „landesweiten“ Veranstaltung einlud :


http://www.apnel.fr/forum/img/2013/20130630jnsm.jpg

In der Tat hat es an den Stränden, etliche davon bisher nicht regelmäßig zur nackten Erholung genutzt, am vergangenen Sonntag bei idealem, sonnigem Wetter, einige Treffen gegeben.

Soweit – so gut.
Nur ... etwas fehlt da noch.

Richtig.
Das Nacktwandern.

Natürlich gab es zum „Tag ohne Badeanzug“ am vergangenen Sonntag auch wieder Nacktwanderungen, von denen ich die durch die „Randonneurs nus de Provence“, einem der drei eingetragenen Nacktwandervereine in Frankreich, hier als Beispiel nennen will.

Aber es geht noch nicht gleich los.
Am Anfang müssen alle noch ein bisschen warten :


http://www.blognaturiste.com/botanicus/public/Photos/JSM-2013/JSM_2013-3.jpg

Dann ist es soweit.
Die Nacktwanderung beginnt.

Na ja, eigentlich ist es mit kaum 3 km Länge eher ein Spaziergang, aber daher eben auch für Anfänger geeignet. In jedem Falle nutzt Jean Paul Guido, der das alles vorbereitet hatte, die Gelegenheit, für die eher sportlichen Veranstaltungen des vorgenannten Vereins zu werben, zu der natürlich auch Nichtmitglieder eingeladen sind.


http://www.blognaturiste.com/botanicus/public/Photos/JSM-2013/JSM_2013-6.jpg

Diese Mal war ein Journalist mit dabei, der mit Interesse den Erläuterungen der Teilnehmenden lauschte und sich auch immer wieder Notizen machte.

Marie erzähle ihm, dass sie sich jeden Tag, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommt, gleich als erstes von ihrer Kleidung befreit.

Paule – ganz neu dabei - erwähnt, dass es sich beim „ersten Mal“ zwar etwas ungewohnt angefühlt habe, sich zu entkleiden, nun aber so etwas wie eine „innere Befreiung“ Platz gegriffen habe.

Isa berichtet, dass sie – nackt unter Nackten – zwar mehr physische Körperlichkeit in den anderen sehe, darüber aber auch viel mehr von deren Persönlichkeit wahrnehme, als es im bekleideten Zustand möglich wäre. Entgegen der landläufigen Meinung, sei – so Isa weiter – das Nacktwandern nicht als isolierte Idee zu sehen, sondern durchaus mit den FKK-Ferienzentren und den Vereinen kompatibel. Sie selbst sei ja auch schon über 3 Jahrzehnte dort dabei.

So geht das weiter ...

... und mündet schließlich in einem ganzseitigen, gestern, am 02.07.2013, in der „Var Martin“ erschienen Artikel :


http://www.blognaturiste.com/botanicus/public/Photos/JSM-2013/Nice_Matin_JSM_2013-06-30.jpg

Jean Paul Guido von den „Randonneurs nus de Provence“ und Roger Banchereau von der „Fédération française de Naturisme (FFN)“ können mit dem Ergebnis sehr zufrieden sein.

Und ich will schnell zur nächsten Notiz springen, und mich für den weiteren Verlauf etwas sputen, denn gleich - am Ende diesen Streiflichts - habe ich wieder einmal einen „Knüller“ aus Frankreich.

Da wird es dann auch wieder ums Nacktwandern gehen.


(2) Beschilderte Atlantikküste

Vor einigen Streiflichter notierte ich hier über einen Erfolg der spanischen Naturisten. Es gelang, dem Gemeinderat von Arteixo im spanischen Galizien eine geplante Bestimmung „auszureden“, nach der der nackte Aufenthalt an den Stränden – mit Ausnahme dreier explizit genehmigter Bereiche – mit empfindlichen Strafen hätte belegt werden können.


http://media.lavozdegalicia.es/scale.php?i=/default/2013/07/01/0012_201307G1P5F2jpg/Foto/G1P5F2.jpg&w=465px

Das ist immerhin ein politischer Erfolg, der (noch bevor irgendwelche Gerichte bemüht werden mussten) eingefahren werden konnte. Eigentlich hatte ich hier vom Bürgermeister Fredi Bea eher erwartet, dass er und der Stadtrat – wenngleich besser Einsicht – eine gerichtliche Klärung abwarten würden, um dann gegenüber den Nacktbadegegnern, die es dort natürlich auch gibt, das Urteil als Begründung für die Zurücknahme der zuvor noch geplanten Verbotsverordnung zu verwenden. Das ist also das, vermutlich auch dort im politischen Alltag häufig anzutreffende „Wir würden es ja gerne verbieten, aber die Gerichte haben es uns leider, leider verboten“-Praxis. Noch ein lustiges Detail: Die nicht sonderlich große Gemeinde Arteixo ist Sitz eines bekannten Textilunternehmens, was den Diskussionen um die Nacktbadestrände eine zusätzliche, heitere Note gibt.

Jedenfalls war einem, vorgestern in der „La Voz de Galicia“ erschienen Artikel zu entnehmen, dass die Sache inzwischen wohl endgültig in „trockenen Tüchern“ ist, so dass die Gemeinde folgerichtig erklärt, auf das Aufstellen von Verbotstafeln am Strand zu verzichten.

Nun gibt es da allerdings noch ein Problem.

Die Stadt legt Wert darauf, dass die Hinweisschilder zu den traditionellen FKK-Bereichen (z.B. „Playa de Combouzas“ ) weiterhin bestehen bleiben, wodurch natürlich die latente Gefahr besteht, dass die Beschilderung von „einfach gestrickten“ Strandgästen nicht als allgemeiner Hinweis verstanden, sondern dass daraus die irrige Meinung abgeleitet wird, in anderen Bereichen sei der nackte Aufenthalt unzulässig.

Gestern war daher in einem weiteren Beitrag der besagten „La Voz de Galicia“ (ungefähr: „Stimme Galiciens“ ) zu lesen, dass die „Federación Española de Naturismo (FEN)“, vertreten durch Ismael Rodrigo, nunmehr die städtischen Behörden auffordert, ihrer Friedenspflicht nachzukommen und die Bürger darüber zu informieren, dass dem nicht so ist.

Aber ob es wirklich eine gute Idee ist, zu fordern, die Hinweisschilder zu den traditionell als Nacktbadestrände genutzten Strandabschnitten, ganz zu entfernen ??

Vielleicht hilft da auch eine geschickte Neu-Formulioerung des aufgedruckten Textes.


(3) Signale aus anderen Zeiten

Vollkommen ungeplant, und selbst für mich überraschend, fiel mir im Rahmen der gegenwärtig in Portugal - hier nicht näher zu nennenden Personen - befeuerten Diskussion über die „nackte Sache“ gestern ein Artikel der aktuellen „Expresso XL“ in die Hände. Die dort vielbeachtet, Anfang diesen Jahres 40 Jahre alt gewordene und im Stil ganz grob mit der hiesigen „DIE ZEIT“ vergleichbare Wochenzeitung betitelte ihren Beitrag mit „Naturismo, uma filosofia revolucionária“ („Naturismus, eine revolutionäre Philosophie").

Das macht neugierig.

Tatsächlich geht es darin hauptsächlich um die geschichtlichen Grundlagen, die uns aus heutiger Sicht manchmal konfus aber fast immer sehr „sektierisch“ erscheinen mögen, aber in damaliger Zeit sicherlich einen Beitag – inklusive aller Fehlentwicklungen – leisteten.

Und weil auch die deutsche Geschichte des Nacktseins darin vorkommt, will ich hier einen kleine Notiz dazu einschieben.

Gleich in den ersten Zeilen des Artikels, der teilweise auch im Internet zugänglich ist, wird von einem FKK-Gelände berichtet, das zu wilhelminischen Zeiten im Jahre 1903 in der Nähe von Klingberg, einem Dörfchen nahe Lübeck, begründet wurde. Es soll hierzulande das erste FKK-Gelände gewesen sein. Nach meinem bisherigen Wissen hat es den ersten FKK-Verein in Essen gegeben.

Bebildert ist die Meldung vom schleswig-holsteinischen Klingberg mit folgendem, alten Foto:


http://expresso.sapo.pt/imv/1/899/195/corbis-be033435-9bb4.gif

Aber ob das wirklich aus der Zeit des beginnenden Jahrhunderts und/oder vom Klingenberger FKK-Gelände ist ? Nach anderen Angaben soll das Gelände ja auch erst 1923 eingerichtet worden sein ?

Wer weiß Bescheid ?

Obwohl ich – nur der Teufel weiß, wie das entstanden ist – in DFK-Kreisen den Ruf habe, mich für historische Sachen zu interessieren, weiß ich es nicht. Aber eins ist gewiss: „Übersetzungen“ von einer vergangenen in die jetzige Zeit sind mindestens ebenso so schwierig wie Übersetzungen vom „Chinesischen“ ins „Hebräische“. Da bleibe ich doch lieber bei anekdotenhaften, vielleicht nicht unbedingt dem tieferen Verständnis, dafür aber wenigstens der Unterhaltung dienenden Notizen.

Trotzdem scheint Geschichte – hier natürlich die nackte Geschichte – wieder modern zu werden. Erst kürzlich erhielt ich Post aus DFK-Kreisen, in der ich darauf hingewiesen wurde, dass das Thema in der Reihe „ZEIT Geschichte“ behandelt und durch weitere Beiträge auch in den historischen Kontext gestellt wird. Michaela schrieb, dass sogar das Titelbild mit einer Aufnahme vom Motzener See bei Berlin geschmückt sei, und – wörtlich – „wir“ jetzt also auch bei der „DIE ZEIT“ vorkommen.

Mich brachte es dazu, eilends zum Zeitungskiosk (neben Edeka, Bad Breisig) zu eilen, um mir das erste, mit „Anders Leben“ betitelte Heft der dreiteiligen Reihe zu besorgen, eh es ausverkauft ist. Es hat sich gelohnt.

Trotzdem bin ich mir nicht ganz sicher, ob wir die damaligen Ideen wirklich verstehen können.

Nebenbei :
Liebe Michaela, „wir“ kamen in der „DIE ZEIT“ schon einmal vor. Es ist erst wenige Jahre her. Wenn man die Bilder, die im Netz aber nicht veröffentlicht sind, mit hinzuzählt, wurde damals von eben jener „DIE ZEIT“ auf immerhin 1,5 großformatigen Seiten (Für die Fachleute: „Nordisches Format“) über eine von mir hier „hinter dem Dorf“ vor rund 7 Jahren organisierte Nacktwanderung berichtet.

Wie mag in z.B. hundert Jahren ein Student der Geschichte darüber denken, der die heutigen Nacktwanderungen anhand der Veröffentlichungen z.B in „DIE ZEIT“, „FAZ“, „Bild“ bzw. entsprechende TV-Beiträge in einer Hausarbeit einzuschätzen hat ?


(4) Nacktes Jazz-Festival bei London

Kürzlich notierte ich hier vom NakedHeart-Projekt, an dem sich die Besucher einschlägiger, überwiegend von jugendlichem Publikum frequentierter Musikfestivals beteiligen können.

Dazu passt eine aktuelle Notiz vom vergangenen Wochenende:

Süd-westlich von London trafen sich die Jazz-Begeisterten (überwiegend älteren Semesters) zu einer mehrtägigen Veranstaltung, um sich gemeinsam von der Live-Musik bekannter Künstler bewegen zu lassen. Das inzwischen in „Fachkreisen“ wohlbekannte, heuer zum sechsten Mal organisierte Festival (es ist das größte „outdoor“-Jazzfestival Englands) wird von der „The Naturist Foundation“ organisiert.


http://www.naturistfoundation.org/jazz_festival/images/jazz-fest-banner-2013.png

Mitglieder und Besucher waren willkommen und jeder war eingeladen, die Musik ohne hinderliche Kleidung zu genießen, was auch möglich war, denn es herrschten mit fast durchgehend über 20 Grad - zumindest für englische Verhältnisse - sommerliche Temperaturen.

Das inzwischen auf 4 Tage angewachsene Festival bot am Donnerstag den jungen Jazz-Künstlern Yazz Ahmed, Kieren Stickle McLeod und Jack Davies Gelegenheit, sich dem Publikum vorzustellen.

Aber auch so gewichtige Größen wie Peter King, wohl der beste Alto-Saxophonist Englands, Frank Griffith und Jean Toussaint aus den USA, Vasilis Xenopoulos aus Griechenland und ... und ... standen auf dem Programm.

Übrigens: Im Festzelt wurde auch eine reichliche Auswahl an Getränken und Speisen zu zivilen Preisen angeboten. Das hatte schon etwas von Volksfest.

Fassen wir es in kurze Worte:
Nackt und Jazz – das passt zusammen.

Und wenn zu der Musik dann auch noch das malerische Talent von Henry Yuen hinzukommt, dessen werbendes Plakat (für eine vom „Lake Associates Recreation Club (LARC)“ vor über einem Jahrzehnt in Washington organisierte Jazz-Veranstaltung ähnlicher Art ) ich hier jetzt zitiere,


http://www.naturistaction.org/Yuen/jazz_99.jpg
(Henry Yuen, 28 x 35 cm Siebdruck)

dann ist die Welt in Ordnung.

Nebenbei :
Das Nackte Jazz-Festival bei London kam, wie vieles Andere, inzwischen fast zum Normalprogramm Gehörende, in dem frühen, inzwischen 2 Jahre zurückliegenden Streiflichtern schon einmal vor. Vom „Nackten Jazz“ wurde beispielsweise bereits im Streiflicht Nr. 21.4 geschrieben.


(5) Staatsanwalt fordert Freispruch für Nacktwander

Zu Beginn dieser Woche ergab sich ein wichtiger juristischer Termin in Périgueux, einem Ort im Süd-Westen Frankreichs.

Was war passiert ?

Der 51-jährige Lehrer Alain aus Frankreich, welcher schon über einen längeren Zeitraum in ausgesucht einsamen Gegenden das Nacktwandern pflegt, wurde anlässlich einer solchen Nacktwanderung in den Wäldern bei Roche-Chalais von den Behörden beschuldigt, gegen den § 222-32 des französischen Strafgesetzbuches verstoßen zu haben. Er lehnte die Zahlung einer Strafe ab – auch weil dies mit einem „comparution sur reconnaissance préalable de culpabilité (CRPC)“, einer Art „Schuldbekenntnis“, verbunden gewesen wäre.

So landete die Sache am vergangenen Montag, den 01.07.2013 nun bei Gericht.

Glücklicherweise wurde er von einem der ihn vernehmenden Polizisten auf die „Association pour la promotion du naturisme en liberté (APNEL)“ hingewiesen, die seinen Fall nun als eine Art „Präzedenzfall“ vor den Gerichten begleiten will.

Der APNEL geht es dabei darum, gerichtlich feststellen zu lassen, dass die naturistischen Aktivitäten (so genannte einfache Nacktheit wie z.B. Nacktwandern) nicht von den natürlich auch in Frankreich existierenden, sexualstrafrechtliche Bestimmungen, deren Sinnhaftigkeit im Übrigen von der APNEL nicht abgestritten werden, betroffen sind.

Wie wird es ausgehen ?

Immerhin ist es schon ein gutes Zeichen, dass hier nicht nur die juristische Vertretung des Nacktwanderers, Herr Tewfik Bouzenoune, sondern neuerdings auch die Staatsanwaltschaft, vertreten durch Yves Squercionia, für den Nacktwanderen einen Freispruch fordern.

Mit einem ersten Entscheid in dieser Sache ist nicht vor dem 11. September diesen Jahres zu rechnen.

Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass es letzten Endes zu einem Beschluss des Verfassungsgerichtes kommt, mit dem der § 222-32 als zu unbestimmt und damit nicht mit der französischen Verfassung vereinbar (in kurz: als verfassungswidrig) erklärt und mit sofortiger Wirkung „einkassiert“ wird. Vor einem guten Jahr (genauer: am Freitag, den 04.05.2012 ist das - begleitet von allerlei Eilmeldungen und überaus lautem Presseecho - mit dem „Nachbarparagraphen“ § 222-33 passiert. Das Gericht ließ dem Gesetzgeber damals nicht einmal Zeit, den Mangel in angemessener Frist durch verbesserte Gesetze „zu heilen“, was auch in Frankreich etwas heißen will und durchaus als – hierzulande würde man schreiben - „schallende Ohrfeige des Verfassungsgerichtes an den Gesetzgeber“ verstanden werden muss.

Im aktuellen Fall könnte das oberste Verfassungsgericht, das derzeit aber noch nicht mit der Sache befasst ist, also von seinem eigenen, noch druckfrischen Beschluss abschreiben.

Es gibt ein kleines Video, das den Nacktwanderer im Kreise der Apnel, und am Verhandlungstag vor dem Gerichtsgebäude zeigt :


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Darin erläutert Silvie Fasol, die Präsidentin besagter APNEL, die Ziele des Verfahrens.

Auch auf dem Video zum Gerichtstermin:

Christian, der Gründer der Apnel und der inzwischen betagte, aber immer noch aktiv in den Bergen Neuseelands nacktwandernde Doug Ball, der offensichtlich auch in diesem Jahr wieder in Frankreich „überwintert“.

Schluss für Heute.


Alle Grüße
michael regenmacher / strothjohann

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